Agfa, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur
Paul Singer glaubte, dass zwei Faktoren Eastman stören: die hohen Vergünstigungen (5%), die AGFA seinen Hauptkunden (Eclair, Gaumont, Ambrosio und Cines) gewährte, und die unproportional große Menge an "Kurzlängen", die AGFA verkaufte.[1] Das Erste war lange vor dem Vertrag mit Eastman eingeräumt worden, das Zweite lag unglücklicherweise an technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung langer Kinefilm-Streifen. Singer schloss:
...wir können doch solche (Kurzlängen) nicht verbrennen. Dass im Laufe der Zeit die Proportion sich verringern dürften, ist ja natuerlich, aber auf eine Beschränkung in dieser Hinsicht einzugehen, ist nicht zu gedenken. In Anbetracht dieser Umstände halte ich es leider fuer zweifelhaft, mit Eastman in Zukunft fuer Europa Hand in Hand zu gehen, und wir muessen in jedem Falle jetzt bei all unseren Entschliessungen mit der Möglichkeit rechnen, in Zukunft allein unseren Weg zu finden. Ich perssoenlich habe gar keine Befürchtungen dies, falls notwendig, zu tun.[2]
Seit seinem ersten Besuch bei der AGFA-Direktion in Berlin-Treptow im April 1905 versuchte Singer, den konservativen Direktor von AGFA zu überzeugen, die Kinefilm-Produktionsabteilung der Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation weiter auszubauen.
Am 28. Mai 1914 bat Singer Dr. Oppenheim schriftlich aus Paris, seinem Sohn, Dr. Kurt Oppenheim, zu erlauben, einige Zeit bei Singer in Paris zu verbringen und mit ihm Geschäftsreisen nach London und Italien zu unternehmen.
Der Hauptzweck ist ja, ihn in ein recht intimes Verhältnis mit unseren Hauptkunden zu bringen, und obwohl ein Teil derselben gelegentlich nach hier kommt, dass er sich mit diesen Hauptkunden an Ort und Stelle befreundet.[3]
Singers eigennützige Absicht hinter dieser Anfrage war, einen gut informierten 'Insider' bei wichtigen Entscheidungen dabeizuhaben, um so die europäische Expansion der Gesellschaft anzukurbeln.
Dass tatsächlich manchmal die kleinsten Ursachen in unserer Industrie die allergrössten Consequenzen nach sich ziehen, haben Sie in der Zwischenzeit selbst zu beurteilen Gelegenheit gehabt, und da die Marktverhältnisse sich permanent ändern, so ist es als Hauptbedingung auch fuer den zukünftigen Erfolg notwendig, dass man auf dem Laufenden ist und bleibt.[4]
Singer beendet seine Bitte mit einer treffenden Beurteilung der Pariser Filmszene:
Weiter bedarf es gar keiner Frage, dass Paris das Centrum der internationalen Kinoindustrie ist, und dass deshalb von hier aus besser ueber alles, was taeglich auf dem Markt vorkommt, wie von irgend einem anderen Platze, beurteilt werden kann.[5]
Es ist nicht sicher, ob AGFA's Geheimrat Singers Rat befolgte und ob der junge Oppenheim Singer nach London begleitete, um Eastman zu treffen. Am Mittag des 30. Juli 1914, schickte Oppenheim Singer ein Telegramm nach London:
Benachrichtigt Eastman dass wegen politischer Weltlage
von hier unabkoemmlich vorschlaget Eastman unser Abkommen
auf ein Jahr oder kürzer zu verlängern. [6]
[1]AW1092/ 1. Mai 1914, vertraulicher Brief von P.Singer an die Photog. Abteilung von Agfa. Die Agfa Maschinerie scheint der von Kodak unterlegen gewesen zu sein, so dass die Qualität des Agfa-Rohfilms nicht so konsistent wie die von Eastman war.
[2]Ebenda.
[3]AW1086/28_MAI14.
[4]Ebenda.
[5]Ebenda.
[6]AW1092/ 30_JUL14, Telegramm an Singer im Automobile Club, London. Gezeichnet: Oppenheim.



