Agfa, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur
Der Ausbruch des Krieges war ein harter Schlag für die Filmfabrik. Der AGFA-Jahresbericht für 1914 wurde in 'Kriegsmonate' und 'Nicht-Kriegsmonate' unterteilt. Der Bau der neuen Fabrik, der 1913 begonnen wurde, war bis Ende Juli 1914 gut verlaufen.
Durch den ausgebrochenen Krieg wurde diese Bautätigkeit stark in Mitleidenschaft gezogen, sehr viele Leute wurden eingezogen, und es konnte durch Fehlen der Rohmaterialien der Betrieb nicht voll beschäftigt werden. Es gelang, für die wichtigsten Posten wenigstens so weit Ersatz zu schaffen, dass im beschränkten Masse fortgearbeitet werden konnte.[1]
Eine deutliche Verringerung der Belegschaft wurde erzwungen: Zu Beginn des Krieges arbeiteten die männlichen Angestellten nur vier Tage die Woche und die Arbeiterinnen arbeiteten abwechselnd nur 3 Tage die Woche halbtags. "Nachdem dann durch weitere Einziehungen, Entlassungen und dergl. der Bestand an Arbeitern und Arbeiterinnen abgenommen hatte, konnte nach und nach zur Einführung der vollen Arbeitszeit der zurückgebliebenen Arbeiter geschritten werden, während bei den Arbeiterinnen auch bis zum Schlusse des Jahres nur die halbe Arbeitszeit der Verbliebenen erreicht wurde."[2]
Die vollständige Jahresproduktion belief sich 1914 auf 29.063.285 Meter, ca. 3 Millionen Meter weniger als 1913. Der Jahresbericht nennt den Krieg als Ursache für diesen Ausfall. Zwischen dem 1.Januar und dem 31. Juli, also in den 'Nicht-Kriegsmonaten', produzierte die Filmfabrik 24.910.585 Meter Kinefilm, aber während der 'Kriegsmonate' vom 1.August bis 31. Dezember nur 4.152.700 Meter. Der Bericht enthält eine interessante Vergleichsrechnung: Ohne den Krieg hätte die Fabrik 1914 42.703.860 Meter produziert; wäre der Krieg bereits im Januar angefangen, hätte die Gesamtjahresproduktion bei lediglich 9.966.480 Metern gelegen.[3]
Paul Singers Hauptbeschäftigung lag während der ersten Kriegsphasen darin, seine Einberufung in die französische Armee zu verhindern. In einem Brief, den er am 7. Oktober in Rom schrieb, erläuterte er Dr. Oppenheim seine Pläne:
Momentan erwarte meine Einberufung als Soldat auxiliaire, d.h. Soldat der keinen Waffendienst thut. Trifft diese individuelle Einberufung ein, so melde ich beim Turiner (französischen) Consulat an dass mein Gesundheitszustand mir nicht erlaubt Dienst zu thun... Ich bekomme dann 2 bis 3 ärtzliche Verlängerungen zu je 4 Wochen, nach Ablauf welcher ich mit dem Gutachten des Consuls-Arztes nach Modane fahre um dort-was anzunehmen ist - von der Militär-Commission reformiert, d.h. definitiv befreit zu werden (vom Militärdienst) - Erst dann bekomme (ich den) Pass für Amerika u. habe dann die Absicht, nach kurzem Aufenthalt in Paris, sofort nach New York zu fahren...Ich werde nun dafür sorgen dass Stevani baldigst nach drüben geht- (und) schriftlich die mir befreundeten amerikanischen Kunden von hier aus bearbeiten. [4]
Singer hielt den Kontakt zur Kodak-Firma in London. Er war empört über Eastmans Kündigung des Vertrages und seine Weigerung, AGFA für die einmonatige Verlängerung, die Eastman Dr. Oppenheim in seinem privaten Brief vorgeschlagen hatte, einen Abschlag zu zahlen. Oppenheim riet Singer, die Sache fallenzulassen und lieber zu versuchen, Eastman zu überzeugen, die Konditionen des Vertrages wenigstens bis zum Ende des Krieges zu verlängern.
Es dürfte genügen, wenn Sie ihm erklären, dass wir aller Voraussicht nach während des Krieges keine Veranlassung haben werden, die bisherigen Preise zu ermässigen und dass damit die wichtigste Vorbedingung für eine spätere Wiedereinsetzung unseres Abkommens erfüllt ist.[5]
Und als Nachgedanken fügte Oppenheim noch hinzu:
Allerdings wäre eine weitere Voraussetzung die, dass auch Eastman die bisherigen Preise während der Kriegzeit nicht herabsetzt, worauf Sie ebenfalls in Ihrem Schreiben (an ihn) hinweisen müssten.[6]
[1]AGFA-Jahresbericht 1914.
[2]Ebenda, Die Zahl der männlichen Arbeitskräfte in der Filmfabrik nahm von 394 am 31. Dezember 1913 auf 200 Ende 1914 ab. Die Zahl weiblicher Arbeitskräfte auf der anderen Seite nahm während derselben Zeit minimal von 110 auf 135 zu.
[3]Ebenda.
[4]AW1086/ 7. Oktober 1914, Brief von P.Singer an Dr. Oppenheim.
[5]AW1092/ 23. November 1914, Brief von Dr. Oppenheim an P.Singer in Turin, Italien.
[6]Ebenda.



