Agfa, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur
Am 28. November 1914 teilte P. Singer der Photographischen Abteilung der AGFA mit, er
...höre dass inzwischen in Frankreich die Cinemas wieder eröffnet werden u. infolge dessen die div. Firmen zu arbeiten beginnen, dass aber die Eastman Kodak Co. ... dem für sie günstigen Moment zu benutzen (sucht) um die Kunden definitiv an sich zu binden. Auch hier (in Turin) ist das neuerliche Vorgehen des ständigen Eastman-Vertreter nicht grade von besonderer Liebenswürdigkeit uns gegenüber.Ich möchte deshalb noch etwas mit der nach Rochester zu sendenden Antwort warten, da ich annehme dass nur richtig ist abzuwarten, wie sich diese (Sachen) in nächster Zeit gestalten werden.[1]
Die Wochen vergingen und P.Singers Stellung in Turin wurde immer bedenklicher.
Wie überall in den neutralen Ländern herrscht auch hier eine strenge Controlle aller Fremden, spec. aber der Angehörigen der Kriegsführenden Länder. Nun hatte man bemerkt dass ich so viele Schreiben von Ihrer Gesellschaft erhielt u. ist dies mit der Grund weshalb ich darum bat die Schreiben an Herrn Dr.Bricarello zu adressieren. Ein weiterer Grund ist der dass auch hier der französ. Consul mich darauf aufmerksam machte dass ich, selbst vom neutralen Lande, nicht mit Deutschland corespondieren dürfte (und) dass meine Bekannte in Frankreich sich noch mehr suspect machen würde, als dies an und für sich dadurch der Fall ist, dass ich naturalisiert bin. ...
In Paris sind sämtliche Menschen die jemals mit mir in Verbindung gestanden haben über mich polizeilich vernommen worden, doch nun scheint endlich meine Situation als geregelt betrachtet zu sein. Immerhin liess mir auch Herr Gaumont vor einigen Tagen sagen ich sollte erst nach dem Friedenschlusse zurückkommen, was auch mein Absicht stets war.[2]
Die Polizei beschlagnahmte das AGFA-Lagerhaus in Epinay, welches sich auf dem Gelände von Eclair befand.[3]
Singer schrieb Briefe, die beweisen sollten, dass der Inhalt sein persönlicher Besitz war und prahlte gegenüber Oppenheim, dass ihm dies gelingen würde.
Schliesslich habe ich auch erreicht dass ich durch den Arzt des hiesigem Consulats jetzt zur Reform vorgeschlagen worden bin. Ich hoffe in einigen Wochen also vollkommen militärfrei zu sein u. kann dann event. nach Amerika gehen.[4]
Er rechnete
... mit dem Verlust der Geschäfte Englands auf einige Jahre, aber bin der Meinung dass ich Frankreich sehr schnell als Kundenkreis deshalb zurückerobern kann, weil unser Film nur ein Rohprodukt darstellt vom dem der kleinste Teil in Frankreich bleibt und ausserdem die Kundschaft interresiert ist Agfa-Film zu bekommen.[5]
"Das Jahr 1915," so erklärt der AGFA-Jahresbericht, "stand von Anfang bis Ende unter dem Zeichen des Krieges."
Die Folge war eine der Fabrikation entsprechende Verminderung der Dampf- und Krafterzeugung, Erhöhung der Kohlenpreise, Löhne usw. und aller Materialien. Die erforderlichen Reparaturen und die Instandhaltungen konnten nur mit allergrößter Mühe und Anspannung aller Kräfte geleistet werden.[6]
Die Jahresproduktion an Kinefilm fiel dramatisch von 29.063.285 Meter im Vorjahr auf 10.565.803 Meter. Dies lag zum Teil an der Tatsache, dass
...bald eine immer stärkere Einziehung aller irgendwie felddiensttauglichen Leute (vollzogen wurde), sodass die geschulten Kräfte durch Aushilfen ersetzt werden mussten, die die Arbeit ausserordentlich erschwerten. Wir waren daher gezwungen, in einer grossen Reihe von Betrieben zur Aushilfe weibliche Arbeitskräfte einzustellen, die sich im Grossen und Ganzen auch schließlich einigermassen bewährten.[7]
[1]AW1092/ 28. November 1914, Brief von P.Singer in Turin an die Photographische Abteilung in Berlin.
[2]AW1086/ 15. Dezember 1914, Brief von P.Singer in Turin an Dr. Oppenheim.
[3]Das Warenhaus war 1912 errichtet worden, um in Paris genügend Vorräte an Rohfilm zu haben. Am 7. März 1912 war ein Vertrag zwischen Agfa und P.Singer unterzeichnet worden, in dem Singer das Distributionsrecht für Agfas Cinematographische Produkte in Frankreich, Italien, England und den Vereinigten Staaten erhielt. Absatz 5 des Vertrages besagt, dass Singer die Vorräte im Warenhaus verwaltet, dass sie aber im Besitz von Agfa bleiben, bis sie verkauft und an die Kunden ausgeliefert werden.(AW1087/ 7. März 1912)
[4]Ebenda.
[5]Ebenda. Singer rechnete wohl mit der Tatsache, dass Produktionsfirmen oft die Kopien ihrer Filme in den Distributionsländern anfertigen ließen. Dies ist ein Feld, dass weiterer Nachforschungen bedarf.
[6]AGFA Jahrsbericht 1915, S.83.
[7]Ebenda. Laut Manfred Gill des ORWO-Betriebsarchives in Wolfen bekamen die weibl. Arbeiter für dieselbe Arbeit durchschnittlich weniger Lohn als männl. Arbeiter.



