Afga, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur
Vor dem Ende von 1915 gelang es dem Verband zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie und verwandter Branchen, gegründet von prominenten Mitgliedern der Filmindustrie, u.a. Oskar Messter, David Oliver von Nordisk und Dr. R.W. Lohöfer von AGFA, das Kriegsministerium zu überzeugen, dass das Überleben der deutschen Filmindustrie vollständig von der Freigabe einiger konfiszierter Schiffsladungen Collodium-Baumwolle durch das Ministerium abhänge.
Die ersten Freigaben erfolgten für November und Dezember, doch waren unsere bisherigen Lieferanten nicht in der Lage, sofort die Anfertigung neuer Collodiumwolle in Angriff zu nehmen, sodass die ersten Lieferungen erst Ende Dezember erfolgten und in der Zwischenzeit äusserst schwach gearbeitet werden musste. Im Herbst des Jahres stellte sich die Notwendigkeit heraus, für die Zwecke der Flieger besonders geeignete Films herzustellen.. Auf Grund der daraus resultierenden Lieferungen (eines entsprechenden Füll-Materials), auf die von der Inspektion der Fliegertruppen grosser Wert gelegt wird, war es uns möglich, die wenigen uns verbliebenen Hilfskräfte, speziell einige Beamte, vom Heeresdienst freigestellt zu erhalten, wodurch die Gefahr, die Fabrik stillegen zu müssen, vermieden wurde.[1]
Trotz vieler Rationalisierungen von photochemischen Materialien gelang es der Experimentier-Abteilung, "motiviert durch Leutnant Leiber", photographische Platten für Rotlicht zu sensitivieren. Diese Platten waren für die Verwendung durch Piloten bei Nachtflügen bestimmt.
Im September erhielt die Firma die Kommission,
der Füllung von Atemeinsätzen für Gasschutzmasken näher zu treten, die bisher nur die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. ausführten. Die Beschaffung des hauptsächlichsten Rohmaterials, das als Träger für die Absorptionsstoffe dient, schien Schwierigkeiten zu machen. Die Frage konnte aber in kurzer Zeit gelöst werden, sodass wir vom Hauptsanitäts-Depot bald einen grösseren Auftrag erhielten.
... Die notwendigen Füllmaschinen wurden in kürzester Zeit konstruiert und gebaut, sodass schon Mitte Oktober mit der Lieferung begonnen werden konnte.[2]
Bis November lag die Produktion schon zwischen 25.000 und 30.000 Filtern täglich, ungefähr 300 Arbeiter waren in dieser Abteilung, die meisten davon Frauen.[3]
1915 war für P. Singer, der noch in Turin war, ein verzweifeltes Jahr. Seine Briefe wurden seltener und pessimistischer. Am 7. Mai schrieb er:
Einmal wollte ich Ihnen günstigeren Nachrichten über mich selbst geben können, und weiter beschräke ich meine direkte Correspondenz mit Deutschland auf das Aeussertste. .. meine delikate Position hierselbst (als Ausländer ist man genau überwacht) verbietet mir - da ich ja französischer Unterthan bin - Vieles, was ich gern thun möchte. Selbst mit meiner Familie correspondiere ich momentan nicht. - Meine Naturalisation wird momentan revidiert und da ich eine Menge Feinde- und Freunde (?) habe-so fehlt es an Dennunziationen nicht. Ich mache moralisch eine wirkliche schreckliche Zeit durch und hätte ich jemals etwas Derartiges voraussehen können so hätte ich bestimmt anders disponiert.[4]
Er berichtete, dass das Lagerhaus endlich an seine Vertreterin in Paris freigegeben werden soll, eine Frau, deren Name leider in seinen Briefen nie erwähnt wird; ihre Aufgabe war es, während seiner Abwesenheit die Interessen von AGFA zu schützen. Das Labor, dass Clément und Rivière für ihre Experimente mit Cellulose-Acetat nutzten, musste aufgegeben werden, da "...Hauswirth, Concierge u. Nachbarschaft sie in der unglaublichsten Weise befeinden."[5]
Leider sieht es jetzt sehr schlimm aus u. sollte ich nicht mehr mit Ihnen correspondieren können, so bitte ich Sie damit zu rechnen dass ich nach wie vor treu zu Ihnen halte um nach dem Kriege gemeinschaftlich das momentan verlorene Gebiet wieder zu erobern...Ich fürchte dass England u. seine Colonien, vor Allem Canada u. Australien, auf Jahre hinaus für die deutsche Industrie verloren sind. Bei Frankreich und Russland glaube ich dies weniger.- Sollte jetzt auch noch hier Krieg ausbrechen, es käme für den Film-Export zunächst nach dem Kriege (nur) Amerika in Frage.[6]
Der Geheimrat hörte danach bis zum Ende des Krieges nichts mehr von AGFAs wertvollstem internationalen Vertreter.
[1]Ebenda.S.86
[2]Ebenda.S.97
[3]Manfred Gill vertrat in einem Gespräch mir gegenüber die Meinung, dass diese Produktion aller Wahrscheinlichkeit in den Berliner Agfawerken und nicht in Wolfen, wie aus dem Jahresbericht hervorgeht, stattfand.
[4]AW1086/ 7. Mai 1915, Brief von P.Singer an Herrn Geheimrat (Dr. Oppenheim). Die Einfügungen und Parenthesen sind von Singer selbst.
[5]Ebenda.
[6]Ebenda.



