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Agfa, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur

 

Im Laufe des Jahres 1916 wurden die Beschränkungen auf Ex- und Import von belichtetem und unbelichtetem Filmmaterial verstärkt. Der Import von 'fertigem' Film, auch aus alliierten Ländern, wurde ebenfalls im letzten Teil des Jahres erheblich eingeschränkt, was die weitere Existenz der deutschen 'Lichtspieltheater' gefährdete. Ein Herr Winz, Redakteur der monatl. Zeitschrift  'Ost und West', beantragte im Oktober eine Import-Export-Zulassung für Kinefilme. In einem Brief an den Reichskommissar für Import-Export fasste er die Situation der Lichtspieltheater treffend zusammen:

 

In den Theatern seien 1 Milliarde Kapital investiert, der Bedarf an Film sei gewaltig. Die deutschen Filmfabrikanten, die zusammen ein Kapital von nur 2 Millionen repräsentieren, hätten ihre Produktion kaum vergrößert und seien nicht in der Lage, den Bedarf zu decken. Unsere einzige große Fabrik für Rohfilms kann jetzt wegen Mangels an Rohmaterial ebenfalls auch nicht annähernd das erforderliche Quantum benötigter Rohfilms liefern.[1]

 

Der Jahresbericht von 1916 dokumentiert jedoch einen plötzlichen Anstieg in der Kinefilm-Produktion der Filmfabrik; vom Tiefpunkt des Vorjahres von 10.565.803 Metern produzierter Ware stieg die Menge nun auf 25.016.329 Meter.

 

Die Rohmaterialien für die Herstellung des Films konnten beschafft werden. Erforderliche Freigaben wurden genehmigt. Da ein Teil der Rohmaterialien überhaupt nicht erhältlich war, mussten in unseren Laboratorien geeignete Ersatzprodukte ausgearbeitet werden. Es ist uns in allen erforderlichen Fällen gelungen, die Aufgaben zu lösen, und zwar derart, dass die Qualität unserer sämtlichen Filmsorten keine Einbusse erlitt. Auch gelang es uns, die Ausbeute der Fabrikation auf die Höhe der Friedenszeiten zu bringen. Diese Arbeiten und die einwandfreie Durchführung der starken Produktion stellten naturgemäß an die gegen den Frieden erheblich geringeren Arbeitskräfte ausserordentliche Anforderungen.[2]

 

In stolzem Ton führte der Jahresbericht weiter aus:

 

...neue Anforderungen (traten) in der zweiten Hälfte des Jahres an uns heran. Es handelt sich um die Herstellung von Teilen für Gasschutzgerät. Für die Herstellung dieses Produktes eignet sich unsere Filmfabrik ganz besonders, und so wurde uns am Ende des Jahres ein Auftrag in der Höhe gegeben, dass er die ganzen Neubauten in der Fabrik, welche Ende 1914 für Kinefilm in Betrieb genommen werden sollten, jetzt beansprucht. Durch diesen großen Heeresauftrag konnten wir endlich die so notwendigen technischen Kräfte von der Militärverwaltung freibekommen.[3]

 

Der Verband zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie und verwandter Branchen versuchte weiter auf die Militär-Autoritäten Druck auszuüben, die jedoch mit der Herausgabe von Collodium-Wolle sehr zurückhaltend waren, da es auch zur Herstellung von Munition verwendet wurde. Trotzdem

 

Auf Antrag des  Verbandes sind auch für das Jahr 1916 aus den für die Heeresverwaltung beschlagnahmten Beständen monatlich 10.000 Kilo - also der erforderliche Bedarf Kollodiumwolle zur Herstellung des Rohfilms - dem Verband zwecks Verteilung an die Rohfilmfabriken überwiesen worden. Hinter dieser unscheinbaren Notiz verbirgt sich eine Tatsache von allergrößter Wichtigkeit. Die Existenz der Gesamtbranche hing eine Zeitlang an einem Faden, und ist dies den wenigsten zu Bewußtsein gekommen. Denn in dem Augenblick, wo dieses für die Erzeugung von Rohfilms notwendige Material nicht mehr zur Verfügung gestanden hätte, wäre die Gesamtbranche zum Stillstand gekommen, und die Lichtspieltheater hätten mangels neuer Filme ihre Pforten schließen müssen. Daß dies nicht geschehen, ist allein dem Eingreifen des Verbandes zu danken.[4]

 

Gegen Ende des Jahres 1916 hat der Reichskommissar der Nitrogen-Verwaltung

 

...für 2 Firmen Offiziere als besondere Kriegsamtkommissare zugewiesen. Diese sollten den Verkehr ihrer Firmen mit den miliärischen Behörden auf dem kürzesten Wege vermitteln und den Bedürfnissen (nach Rohmaterialien) ihrer Werke mit Nachdruck rascheste Befriedigung verschaffen... darunter Hauptmann Haakh der Farbenfabrik Wolfen und den chemischen Werken von Griesheim-Elektron in Bitterfeld. Hauptmann Haakh war bei Kriegsausbruch als Chemiker bei der Farbenfabrik in Wolfen beschäftigt. Seine Hilfe wurde bald vom ganzen Industrie-Bezirk Wolfen-Bitterfeld in Anspruch genommen...so gelang es...über die schwere Zeit des Jahres 1917 hinweg zu kommen...[5]

 


[1]AW381\1/ zugefügter Brief zu einem Export/Import-Antrag, datiert vom 6.10.1916.

[2]AGFA-Jahresbericht 1916, S.88.

[3]Ebenda.Die Firma führte peinlichst genau Buch über das Arbeitspensum und den Aufenthaltsort der Arbeiter. An einer der zahlreichen Listen ist ein Memorandum befestigt, laut dessen der Aufenthaltsort künftig nicht aufgeführt werden solle, da diese Information dem Feind dienlich sein könnte.

[4]RW2005 (Die gesetzliche Regulierung der Lichtspielbühnen), darin der Jahresbericht für 1916 des 'Verbandes zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie und verwandter Branchen zu Berlin, e.V.'.

[5]AGFA-Jahresbericht 1917, S.84.