Agfa, Kullmann, Singer & Cie und die frühe Filmmanufaktur
Anfang 1917 nahm die Firma einen Auftrag zur Herstellung von Klarscheiben für den Augen-Bereich bei Gasmasken entgegen. Eine Emulsionsfabrik und eine Film-Bezugs-Fabrik wurden schnell umfunktioniert und während der ersten Hälfte des Jahres ausgebaut, um diesen Auftrag bedienen zu können, die noch vor dem Jahresende abgeschlossen wurde.
Rechnet man diese Mengen (an Klarscheiben) auf Kinefilm um, so entspricht das gesamte Quantum einer Leistung von 21.041.311 lfd. m Kinefilm. Unsere gesamte Produktion an Film (Photofilm und Klarscheibenfilm) betrug demnach im Jahre 1917 50.354.488 m gegenüber 24.915.760 m im Jahre 1916.[1]
Wie das Jahr 1916 stand auch das Jahr 1917 unter dem Zeichen eines dauernden starken Steigens des Bedarfs in unseren Filmprodukten. Zu den Ursachen, welche im Jahre 1916 diese Steigerung hervorriefen, nämlich Absperrung des deutschen Marktes vom Auslande und damit Bedienung der deutschen Kino-theater mit ausschliesslich deutschen Erzeugnissen, tritt noch das im Jahre 1917 einsetzende starke Interesse der Regierung für den Film als Propagandamittel nach dem Auslande und zur Aufklärung und Hebung der Stimmung der inländischen Bevölkerung. Ferner zeigte auch die oberste Heeresleitung Interesse für das lebende Bild, um bei der langen Dauer des Krieges den Truppen an der Front eine Abwechslung und Zerstreuung zu bieten. Es wurden überall Kinos eingerichtet, die naturgemäss einen erheblichen Bedarf an Bildern ergeben. Nachdem ausserdem unsere obersten militärischen und staatlichen Stellen die Bedeutung des Films als Propagandamittel erkannt hatten, wurde als amtliche Stelle das Bild- und Film-Amt eingerichtet, welches im besonderen die Kinefilmindustrie fördern soll. Da nun ein Propagandafilm nur als kleiner Teil eines Programmes in den Kinotheatern gezeigt werden kann, musste die Herstellung von sogenannten Spiel-Films (Lustspiel, Drama usw.) in dem Masse zunehmen, wie das Zeigen des Propagandafilms immer mehr gewünscht wurde. Berücksichtigt man nun noch, dass infolge des ungenügend ausgebildeten Personals und der schlechten Instandhaltung der Vorführungsapparate der Film um das Vielfache mehr beansprucht wird, wie in normalen Friedenszeiten, so ist es ohne weiteres klar, dass der Bedarf an Rohfilm auch hierdurch ganz erheblich steigen muss, denn das einmal hergestellte Bild kann nur noch einen Bruchteil von der Zeit vorgeführt werden wie früher.[2]
Im Juni erhielt AGFA von der Chemischen Abteilung A.10 des Kriegsministeriums die Order, eine Abfüllstation für Clark-Giftgas einzurichten. "Durchschnittlich waren 120 Arbeiter, vorwiegend weibliche, (mit der Abfüllung) beschäftigt."[3]
Die Arbeitsbedingungen in der AGFA-Filmfabrik zu dieser Zeit lassen sich nur mutmaßen. Am 31. Dezember 1917 waren "449 Männer, 8 Gefangene, 13 jugendl. Arbeiter, 696 Frauen und 20 Mädchen..."[4] dort beschäftigt, dreimal soviele Arbeiter wie Ende 1914.
Ferner musste eine Vergrösserung des Arztraumes und der Räume für die Schwester vorgenommen werden, da die Fabrikpflegerin als solche den Ansprüchen nicht mehr genügen konnte und daher eine Schwester neben der Fabrikpflegerin ihre Tätigkeit in der Filmfabrik aufnehmen musste.[5]
Ein Großteil der Gehälter wurde in 'Notgeld' ausgezahlt, eine Ersatzwährung, die die Firma leicht drucken konnte. Diese Handhabung war schon 1912 aus Mangel an Münzgeld eingeführt worden und ihre Verwendung wurde während des Krieges ausgebaut. Das 'Notgeld' konnte im AGFA-Kaufhaus ausgegeben werden.[6]
[1]Ebenda, S.88.
[2]Ebenda, S.88.
[3]Ebenda, S.100.
[4]Ebenda, S.6.
[5]Ebenda, S.86.
[6]R. Kahnert & Manfred Gill (1977) Die ökonomisch-soziale Lage der Wolfener Filmarbeiter1914-1923 dargestellt unter besonderer Berücksichtigung der Notgeldausgaben der Agfa.



